Wie ein Drittliga-Stadion zum „Dritten Ort" umgedeutet wird

Andreas Kölling • 4. Juni 2026

Warum ein Drittliga-Stadion in Oldenburg KEIN „Dritter Ort" sein wird

Ein „Dritter Ort", ein „Third Place“, wie er im Englischen heißt, ist ein sozialer Treffpunkt, der sich vom eigenen Zuhause - dem ersten Ort - und der Arbeit oder Schule unterscheidet, dem zweiten Ort. Der „Dritte Ort“ ist ein neutraler, konsumfreier Raum für Gemeinschaft, Entspannung und den Austausch mit anderen Menschen in zwangloser Atmosphäre. Orte der Begegnung, Mitwirkung und Zukunftsgestaltung für Menschen jeden Alters  Das Konzept geht auf den US-amerikanischen Soziologen und Stadtplaner Ray Oldenburg (sic) zurück.


Ein Drittliga-Stadion ist kein Dritter Raum

Dieses Bild wurde mit post-Oldenburg KI generiert


Ein echter „Dritter Ort“ zeichnet sich aus durch mindestens vier Voraussetzungen:


  1. Neutralität: Niemand ist gezwungen, dort zu konsumieren, um sich aufzuhalten.
  2. Gleichberechtigung: Soziale Schichten, Status oder Titel sollten idealerweise keine Rolle spielen.
  3. Kommunikation: Das Gespräch und der soziale Austausch stehen im Mittelpunkt.
  4. Leichte Zugänglichkeit: Der Ort ist offen und einladend, oft zu flexiblen Zeiten.


Wenn jetzt die Oldenburger SPD in ihrem vermutlich aussichtslosen Kampf gegen den Absturz in die Bedeutungslosigkeit den „Dritten Ort“ in direkten Zusammenhang mit dem geplanten Stadion für den Berufsfußball bringt, kommt das einer blanken Verhöhnung der Idee Ray Oldenburgs gleich. Im choreografierten Spektakel, das einer seriösen Ratssitzung unwürdig war, bemühte SPD-Ratsfrau Nicole Piechotta den Begriff gleich mehrfach und auch der designierte SPD-OB-Kandidat Ulf Prange kam in seiner „Schaufensterrede“ nicht ohne den „Dritten Ort“ aus.


Ein Stadion für den Profi(t)fußball als sozialer Treffpunkt, konsumfrei und möglichst rund um die Uhr zugänglich? Offen und einladend? Ein Ort für Menschen jeden Alters, um gemeinsam Ideen entwickeln, um lokalen wie auch globalen Herausforderungen zu begegnen?


Was für ein Unsinn! Das Drittliga-Stadion, wenn es denn überhaupt je gebaut werden sollte, wird an weniger als 20 Tagen im Jahr geöffnet sein für Fußballfans, die Eintritt zahlen und von denen ein nicht ganz so kleiner Teil mit beträchtlicher Polizeibegleitung auf die Tribünen eskortiert wird, Die „Hölle von Donnerschwee 2.0" als ein „Dritter Ort“? Als leicht zugänglicher, sozialer (Frei-)Raum bestimmt von Neutralität, Gleichberechtigung und Kommunikation? Ein niederschwelliger Ort, an denen Menschen informell zusammenkommen, sich austauschen und Gemeinschaft in zwangloser Atmosphäre erleben? Das kann nicht wirklich Ihr Ernst sein, verehrte SPD-Mandatsträger?


Haben Sie übrigens den geradezu enthusiastischen Beifall von VfB-Funktionären und -Fans nach der Rede des sichtlich überraschten AFD-Ratsherrn Andreas Paul bemerkt?


Dieser Clip zitiert den freundlichen VfB-Talk der ©NWZ Mediengruppe


Direkt ins Bild passt dabei auch der bemerkenswerte Post eines promovierten Historikers auf Instagram: Dr. Henning K. ist SPD-Mitglied mit Ambitionen auf ein Ratsmandat, aber ohne große Chancen. Er unterstellt der BI jetzt pauschal eine „Art Standesdünkel gegenüber der auch von der Arbeiter- und Mittelschicht geprägten Fußballszene" als eigentlichen Grund, weshalb wir gegen ein zu 100 Prozent steuerfinanziertes Stadion für den Berufsfußball sind. Wie bitte? Mehr als 11.300 Menschen haben mittlerweile die Online-Petition unterstützt, Tendenz weiter steigend - alle mit einer „Art Standesdünkel"? Vorsicht, das könnte Ihre Wählerschaft sein, liebe SPD!


Die Sozialdemokraten haben nach 30 Jahren Brioni-geprägter Ära ihr Herz für die Arbeiterschaft wiederentdeckt? Man mag‘s nicht so recht glauben. Und natürlich stimmt das auch nicht. Es geht wohl eher darum, die Vorzüge einer edlen VIP-Lounge und des gesponsorten Aperol-Spritz im mondänen Catering-Bereich eines steuerfinanzierten 75-Millionen-Stadions mit Rasenheizung zu genießen, statt bei Regen unterm zügigen Pagodenzelt im jahrzehntelang mutwillig vernachlässigten Marschwegstadion die Solidarität mit der Arbeiterklasse zu demonstrieren.


Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen. Den verzweifelten Sozialdemokraten ist offenbar gerade alles recht, um die absurde Idee ihres Noch-Oberbürgermeisters irgendwie zu legitimieren.


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