Regeln menschlichen Miteinanders außer Kraft oder schon eine mediale Exekution?

Andreas Kölling • 13. Februar 2024

Das Problem von Ursache und Wirkung ...

... oder wer im Netz niedergemacht wird, ist doch selber schuld.


Zugegeben, der Witz ist alt: Hannes steht mit Unschuldsmiene vor der zersplitterten Fensterscheibe und sagt: „Ich war das nicht, das war der hier!“ Dabei zeigt er auf den Fußball, den er noch unterm Arm trägt.

Alt zwar, aber aktuell. Denn so wird offenbar von bestimmten Redakteuren der Nordwest-Zeitung (NWZ) Journalismus begriffen. Lokalredakteur Thomas Husmann beklagt in seiner Sonnabend-Kolumne „Zwischen den Zeilen“, die Spielregeln menschlichen Miteinanders seien scheinbar außer Kraft gesetzt. Recht hat er, nicht nur scheinbar. Wie das elektronische Postfach unserer Bürgerinitiative mit Hasskommentaren, wüsten Beschimpfungen und Beleidigungen aus den Reihen der Stadionbefürworter geflutet wird, ist absolut jenseits jeden menschlichen Miteinanders

Einfach mal fertig machen


Und was die Woche dem Initiator der Online-Petition gegen den Stadionbau widerfuhr, der beruflich bei der EWE Netz GmbH tätig ist, spielt auf dem gleichen unterirdischen Niveau. In einem Forum von Oldenburger Fußball-Fans droht einer, der sich selbst als „VfB-Wahnsinniger" bezeichnet, er wisse schon, was er mit dem Typen machen würde und er hoffe, die EWE werde den "…Kerl an die frische Luft setzen..." und ein anderer wünscht sich, dass er „... (auch wenn es Sonntag ist) nen Rüffel von seinem Arbeitgeber bekommen" habe.


Da soll also ein Mensch beruflich und ökonomisch fertig gemacht werden, weil er gegen den Neubau eines Stadions für den Profi-Fußball mit Steuergeld ist und deshalb ein legitimes Mittel der direkten Demokratie initiiert hat?

Hasstiraden im Netz

Jens W. hat seine kurz zuvor gestartete Petition geschlossen und seine Accounts auf den sozialen Plattformen gelöscht, nachdem ein widerlicher Shitstorm über ihn hereingebrochen war. Vor allem als der Artikel von Thomas Husmann am Sonntagmittag online stand, in dem er als Initiator der Petition mit vollem Namen und seiner beruflichen Position sowie seiner Verbindung zu den EWE-Baskets genannt wird. Wohlgemerkt, Jens W. hat die Petition gegen den Stadionbau als Privatperson gestartet, was er gegenüber der NWZ ausdrücklich betonte.

Außerdem fehlt jeglicher Nachweis zu wilden Spekulationen, die Aktion habe etwas mit der Mannschaft der anderen, in Oldenburg sehr populären Sportart zu tun. Trotzdem waren sie Thomas Husmann breite Erwähnung wert, was im Fußball-Fan-Forum sehr schnell wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde.


Selbst wäre die Petition wirklich von den EWE-Baskets gestartet worden, wäre es eine Entschuldigung für den widerwärtigen Shitstorm oder gar für Morddrohungen? Thomas Hussmann ist offensichtlich zu sehr Fan der VfB Oldenburg Fußball GmbH, um das zu erkennen. Deswegen sollte er nicht mehr über ein mit Steuergeld finanziertes Stadion für den Berufsfußball berichten. Schon zum eigenen Schutz, damit ihn die „Untiefen" der Netzwelt nicht weiter so arg belasten. 


Stimmen eigentlich die Fakten?


Auch mit der „Faktenkontrolle“ ist es augenscheinlich wohl nicht weit her, obwohl der Autor sich verpflichtet fühlt, „…Behauptungen… (die) ... in sozialen Netzwerken, in Mails oder anderweitig an uns herangetragen werden ...“, zu überprüfen, wie er in seiner Kolumne schreibt. Die EWE Netz GmbH ist mit hoheitsrechtlichen Aufgaben betraut und hat kein Endkundengeschäft.  Sie kümmert sich unter anderem um die erforderliche Infrastruktur, über die Energieproduzenten dann Strom oder Gas an Haushalte, Betriebe und Industrie liefern.  Ein Drittel gehört der „Kommunalen Netzbeteiligung Nordwest GmbH & Co KG” der Kommunen in der Region. Insofern ist es zumindest irreführend, wenn es im Artikel über die Petition heißt, sie „...wurde vom EWE-Netz Pressesprecher initiiert… " und mit der Formulierung „Die EWE ist Hauptsponsor der Baskets” unterschwellig eine direkte Verbindung angedeutet wird. Die EWE Netz GmbH ist kein Sponsor.


„Brandstifter" als Opfer?


Wer jetzt meint, Thomas Husmann vermisst die Spielregeln menschlichen Miteinanders im geschilderten Fall des angegriffenen EWE-Mitarbeiters, irrt vermutlich. Kann es sein, dass es ihm eigentlich mehr um sich selbst geht? Im Internet werde gepöbelt, gedroht, da würden andere Menschen diskreditiert, die Äußerungen seien herablassend, persönlich beleidigend, heißt es in seiner Kolumne und: „Als Journalist hat man sich mittlerweile daran gewöhnt."

Die Gewöhnung scheint manchmal den Blick zu verstellen. Wer hat denn in Sachen Anti-Stadion-Petition den Shitstorm im Netz überhaupt erst entfacht? Und zwar nicht nur mit dem Online-Text vom 4. Februar bzw. der Titelstory am Folgetag.  Nein,  bereits seit Monaten durch eine hochgradig tendenziöse Berichterstattung, wobei aktuell schon allein die Aufmacher-Überschrift alle Zutaten dazu lieferte:

NWZ: „EWE-Mitarbeiter stoppt eigene Petition gegen Stadion"


Punkt 1: Nicht ein EWE-Mitarbeiter hat eine Petition gestoppt, sondern eine Privatperson. Und gestoppt hat Jens W. sie nur, nachdem er aufgrund der Recherche von Husmann zum Online-Artikel und der Veröffentlichung am Sonntagmittag so übel angegangen wurde, dass er sich dem Shitstorm von Stadionbefürwortern nicht mehr aussetzen wollte. Gut möglich, dass er vielleicht sogar von seinem Arbeitgeber dazu „animiert" oder sagen wir mal, darauf angesprochen worden ist. 

Rote Karte für die Stadionpläne

Punkt 2. Richtig ist, Jens W. hat seine  Petition gegen den Stadionbau gestoppt. Gleichwohl hat jemand anderes, nur kurze Zeit später, wieder eine identische Online-Petition mit demselben Ziel gestartet. Davon findet sich in Husmanns vierspaltigen Aufmacher der NWZ-Titelseite am drauffolgenden Montag kein einziges Wort. Obwohl sogar im bereits zitierten VfB-Fan-Forum schon am Sonntagnachmittag ausführlich darüber „diskutiert" wurde. Inkl. des Vorschlags, ob man nicht wieder Husmann informieren sollte.



Einseitige Berichterstattung


Das genannte anonyme Fan-Forum der „VfB-Wahnsinnigen", „VfB-Megafans" und „VfB-Superfans" gehört offensichtlich zu den bevorzugten Quellen von NWZ-Lokalredakteur Thomas Husmann. Zumindest liest sich das so „Zwischen den Zeilen". Die Bürgerinitiative KEIN StadionBau ist es jedenfalls nicht! Seit Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) Anfang 2022 wieder mit seiner absurden Idee um die Ecke kam, von unser aller Steuergeld ein Stadion für den Berufsfußball zu bauen, gab es in der NWZ fast 200, nahezu ausschließlich positive Artikel zum Thema - Thomas Husmann hat sage und schreibe nur einmal die Bürgerinitiative erwähnt, tatsächlich nur ein einziges Mal. So geht objektiver Journalismus?

Kein Einzelfall


Und gab es da nicht auch schon eine Missbilligung des Deutschen Presserates wegen der irreführenden Überschrift „Die große Mehrheit wünscht sich ein neues Stadion"? Nix, große Mehrheit! Die Mehrheit einer nicht-repräsentativen NWZ-Umfrage im Netz, die nicht einmal 5.000 mal angeklickt wurde - wahrscheinlich gleich mehrfach. Die Aufrufe dazu lassen sich im VfB-Fan-Forum finden. Das war auch für das Kontrollgremium der gedruckten und Online-Medien nicht akzeptabel. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass Thomas Husmann nicht Autor des bemängelten Artikels ist.

Online-Petition unterschreiben!


Die Petition hat - auch ohne journalistische Unterstützung durch den VfB-Medienpartner NWZ - schon die 2.500-Marke durchbrochen und damit haben bereits deutlich mehr Menschen gegen den Stadionbau unterschrieben, als der VfB Oldenburg wahrscheinlich organisierte Fans aufbieten kann. Zur Klarstellung: Weder der Initiator der gestoppten, noch der der aktuellen Online-Petition ist Mitglied in der Initiative KEIN StadionBau, noch waren ihre Aktionen in irgendeiner Weise mit uns abgestimmt


Anmerkung: Wir haben uns jetzt entschieden, den Namen des Initiators der Online-Petition hier nicht mehr zu nennen. Zumal nach der Veröffentlichung dieses Textes Überlegungen im erwähnten VfB-Fan-Forum angestellt werden, "...wo die ganzen Unterzeichner so wohnen...".

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